Der Tag der deutschen Wiedervereinigung

Liebe Leser, heute wende ich mich einmal persönlich an Sie. Ich schreibe absichtlich nicht „Der Tag der Deutschen Einheit“, denn die deutsche Einheit zwischen West und Ost ist auch 22 Jahre nach dem Beitritt der ehemaligen DDR zur Bundesrepublik Deutschland nicht hergestellt.

Heute und morgen Abend läuft in der ARD um 20.15 Uhr der Zweiteiler „Der Turm“ von Christian Schwochow in Anlehnung an den gleichnamigen Roman von Uwe Tellkamp. Zitat aus dem Interview der „Berliner Zeitung“ mit dem Regisseur Christian Schwochow und dem Dichter Uwe Tellkamp(1):

Christian Schwochow:

„Er (der Film,d.R.) zeigt Lebensverläufe, Situationen, die Ostdeutschen viel Raum für eigene Bilder  lassen und Westdeutschen hoffentlich die Möglichkeiten bieten, über diese Zeit mehr zu erfahren, als  das, was man meinte, bislang zu wissen.“

Auf die Frage des Redakteurs Dirk Pilz: „Sagt der Film eigentlich etwas über die innere Einheit des Landes?“ antwortet Uwe Tellkamp:

„Ich glaube, dass es das Turm- Millieu unter anderen Bedingungen heute wieder gibt. Mir wurde vorgeworfen, „Der Turm“ trage zur Gegenwart nichts bei. Ich bin mir da nicht so sicher. Die Grundsituation ist ja, dass gewisse Leute Werte teilen, die sie in ihrer Umgebung nicht wiederfinden. daraus entstehen Abschottungsmechanismen und Elitevorstellungen- das sind Dinge, die ich heute wieder beobachte. Und das ist keine Ost- West-Frage. Es gibt Wessis, die im Osten wunderbar funktioniert hätten und genügend Ossis, die im Westen hervorragende Karrieren machen.“

Ich möchte dazu eine Geschichte erzählen: Eine VEB- Bäckerei aus meiner Heimat wurde nach der Wende vom Mitarbeiter- Kollektiv übernommen und mit 2 Gesellschaftern aus ihren Reihen weitergeführt. Qualitätsarbeit, Fleiß und viel Herzblut steckten die „Alten“ in die Bäckerei, die Beziehung zwischen Betriebsleitung und den Mitarbeitern war von einem offenen Klima geprägt. Die Vorschläge der Mitarbeiter wurden gehört, gemeinsam fasste „ihre“ Bäckerei Fuss und konnte bald über 90 Filialen in Berlin und Brandenburg eröffnen. Konkurrenzdruck führte zunächst zur Mitarbeiterreduzierung, Überstunden, Gehaltskürzungen, Urlaubskürzung, kein 13.Gehalt, kein Weihnachts- und Urlaubsgeld. ALLES machten die Beschäftigten mit, es war IHRE Bäckerei. An der Qualität der Backwaren wurde nicht gerüttelt. Das war Ehrensache.  Eines Tages übergaben die alten Gesellschafter den Betrieb vertrauensvoll in die jungen Hände ihres Sohnes. Dieser hatte ein Studium in den alten Bundesländern absolviert und führte den Betrieb ab sofort nach streng marktwirtschaftlichen Kriterien. Als erstes wurden die eingespielten Verkaufstellen- Kollektive, die auch oft privat miteinander Kontakt hatten, aufgelöst und neu zusammen gesetzt. Auf die Belange der meist weiblichen Angestellten wurde keine Rücksicht genommen. Wem es nicht passt, kann gehen. Wohn- und Arbeitsort waren nun nur noch in Ausnahmefällen identisch. Als Nächstes wurden die Facharbeiter mit fiesen Mitteln und Methoden abserviert und durch ungelernte Arbeitskräfte mit 1-Jahres-Vertrag ersetzt. Man ließ sich Fördermittel von Arbeitsamt für die Einstellung von Arbeitslosen zahlen. Kontrolleure überwachten die Arbeit der Verkäuferinnen und sorgten für ein Klima der Angst vor Entlassung und des Misstrauens gegenüber den Kolleginnen. Der Betrieb war in der freien Markwirtschaft angekommen. Nun wurden mehr und mehr preiswertere Rohlinge von Zulieferern eingesetzt, die in den Verkaufsstellen fertig gebacken wurden. Die guten alten „Ostschrippen“, direkt in der Bäckerei gebacken und mit “ weniger Luft- mehr Schrippe“ beschreibbar,  wurden zurückgedrängt. Sie waren auch zu billig. Man sparte an der Qualität der Rohstoffe für die Backwaren und  die Kuchenstücke wurden kleiner und weniger üppig der Belag. Heute unterscheidet sich diese Bäckerei-Kette in nichts mehr von anderen Bäckerei-Ketten.

Liebe Westdeutsche, wenn Sie sich wirklich dafür interessieren, wer nach 40 Jahren Sozialismus der Bundesrepublik beigetreten ist, und ob es tatsächlich stimmt, wie mir meine Verwandten aus dem Ruhrgebiet einmal vorhielten, dass der Osten ein reines Zuschuss-Geschäft gewesen wäre und sei, der Osten erheblich dafür verantwortlich dafür wäre, dass die fetten Jahre für die Bundesdeutschen mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 vorbei gewesen wären, dann empfehle ich Ihnen eine interessante Doku mit originalen Filmaufnahmen und Aussagen damals bei der Treuhand-Anstalt für die Abwicklung des DDR-Volksvermögens zuständigen Direktoren:

„GOLDRAUSCH“ Regisseur anonym(2),(3),(4)

Liebe Ostdeutsche, auch Ihnen empfehle ich „Goldrausch“, um sich zu erinnern und zu einem neuen Selbstbewusstsein zu finden. Bestenfalls zu einem Selbstbewusstsein, dass Ostdeutsche in der nunmehr gemeinsam gelebten Gesellschaft eine Bereicherung SIND mit ihren durchaus wertvollen Erfahrungen und Verhaltensweisen aus einer- natürlich diktatorischen- Mangelgesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich um Kinder und Jugendliche als deren Zukunftspotential kümmerte, kümmern musste, die solche Eigenschaften wie „Denken ans Große Ganze und nicht nur an sich“, Bescheidenheit und Einsicht in die Notwendigkeit, Erfindungsreichtum und Nachbarschaftshilfe, staatlich geförderter, sorgsamer Umgang mit den Ressourcen, siehe Altstoffverwertung und Mehrwegverpackungen-ja, sicher zwangsläufig- hervorbrachte!  Einer Gesellschaft, die ein soziales Verhalten- ja, sicher notwendigerweise- erstrebte und dementsprechende Werte und Normen vermittelte. Korruption, Raffgier, Mitnahmementalität, Betrug, Vorteilsverschaffung, purer Eigennutz, Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit usw. gab es, diese Dinge waren jedoch eindeutig negativ besetzt. Heute erntet derjenige die größte Anerkennung, der am besten rücksichtslos seine Ellenbogen gebrauchen kann.

Als geborene und gelernte „Ostlerin“ möchte ich die Leser aus den „neuen Ländern“ ermutigen, den „Original Ostler“, wie die Band „Kraftklub“ es formuliert, selbstbewusst und stolz zu leben und sich NICHT als Verlierer zu fühlen!

Sich NICHT zu schämen, ein Ostler zu sein! Ein Verlierer ist man erst dann, wenn man sich geschlagen gibt, und für die Werte, die uns mitgegeben wurden, nicht mehr eintritt! Ich behaupte: Auch heute noch, 22 Jahre nach dem Verschwinden der DDR von der Landkarte sind wir geprägt von der Gesellschaft, in der wir aufgewachsen sind. Eine Gesellschaft, die das Wort Solidarität kannte, die Bewegung „Vom ICH zum WIR“, übersetzt „Über das pure Eigenwohl hinaus hin zum verantwortlichen Gemeinwohl-Denken“.  Genau diese Erfahrungen aber sind es, die heute dringend gelebt werden müssen, um dieser größtenteils von jeder Verantwortung freien, egoistischen Gesellschaft zu einem menschlicheren Antlitz, zu einer dringend notwendigen sozialen Kompetenz zu verhelfen!

Erst aus diesem Gefühl des Zusammenhalts, des Sich-Umeinander-Kümmerns-, des  Interesses am Schicksal meines Nachbarn erwächst auch meiner Ansicht nach die Kraft,  diese überholte, verkrustete Struktur der repräsentativen Demokratie gemeinsam  zu ersetzen durch eine wirkliche Demokratie!

Die Meinung des Bürgers und Wählers ist nur noch unmittelbar vor den nächsten Bundestagswahlen interessant. Herr Bundespräsident Gauck verhöhnt den mündigen Bürger, in dem er seine politische Reife für eine Volksabstimmung an dessen Wahlbeteiligung misst und meint, dabei könne man nicht aus irgendeinem „Bauchgefühl heraus“ entscheiden, Herr Altkanzler Schmidt(SPD)  hält gar nichts von direkter Demokratie, er ist nach eigener Aussage ein klarer Verfechter der repräsentativen Demokratie(0).

Herr Joachim Gauck stammt aus dem Osten, ebenso Frau Angela Merkel. Viele Westdeutsche, vor allem jene mit Vermögen und jene mit Vorlieben für repräsentative Demokratie werden mit diesen beiden Personalien sehr zufrieden sein, nehme ich an.

(0) http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1741594/Warum-noch-an-Europa-glauben%253F?bc=svp;sv1#/beitrag/video/1741594/Warum-noch-an-Europa-glauben%3F

(1) Berliner Zeitung vom 2./3.Oktober 2012, Medien S.29, Artikel:“ Es ist nur ein Vorschlag“

(2) http://www.mdr.de/kinoroyal/goldrausch106.html

(3) http://www.zeit.de/kultur/film/2012-08/film-goldrausch-treuhand-rezension

(4) http://www.youtube.com/watch?v=r0xIy09AMxw  -Trailer

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Über Regina Drescher

Absolventin der Humboldt- Universität Berlin 1984 als Diplom-Ingenieurin. Ausbildung als Betriebsleiter. Ein Semester angewandte Psychologie. Erfahrung als Sozialarbeiterin, Bereich Jugendclubs. Ausgestattet mit rationalem Denkvermögen und emotionalen Eigenschaften. Dies ermöglicht mir eine gewisse soziale Kompetenz und Liebe zur Natur, den respektvollen Umgang mit ihr und den Wunsch nach Schutz vor weiterer Zerstörung des Menschen für alle Lebewesen.
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