Grexit- Ein chicken game, das niemand gewinnen kann?

Liebe Leser, in den Zeitungen der letzten Tage finden wir immer häufiger eine neue Wortschöpfung: GREXIT, Abkürzung von Greek Exit, und somit schon klarer. Raus aus der Währungsunion der EU, dem Euro, geht das so einfach? 

zukunft4deutschland schaut einem Experten in die Seiten, und zwar Dirk Elsner, Ex- Banker, jetzt Finanzdienstleister für mittelständische Unternehmen, und gerne mit seinen Kunden über Social Media wie facebook oder twitter im Kontakt. Das nennt sich dann social banking. Ex-Banker Dirk Elsner muss es wissen. In seiner Freizeit betreibt er das Blogprojekt „Blick Log“- Gedanken zu Themen aus Wirtschaft, Finanzen, Management, aber auch Sport, Medien und Politik. Daneben dient es als persönliches und öffentliches Archiv für die Sammlung von Texten und Dokumenten. Dirk Elsner gehört im deutschsprachigen Raum zu den prominentesten Wirtschaftsbloggern – dabei ist er erst seit 2008 dabei (1):

„Mich erreichen in letzter Zeit häufiger praktische Fragen zu den praktischen Konsequenzen zum Austritt aus dem Euro. Die genauen Antworten darauf kennt derzeit niemand, weil der Austritt eines Landes aus der europäischen Währungsunion rechtlich bisher nicht geregelt ist. Wer aber ein Gefühl für die Komplexität bekommen und für die entsprechend notwendige Vorbereitungszeit bekommen will, der kann ja mal einen Blick in die rechtlichen Grundlagen zur Einführung des Euro wagen.

Auch wenn vermutlich nicht alle Texte davon relevant sind, so müsste zunächst einmal gecheckt werden, welche Rechtsnormen davon relevant sind für die jeweiligen Landesgesetze, für nationale und internationale Schuldverhältnisse und weitere Rechtsverhältnisse, auf die sich Finanzwesen, Wirtschaftspraxis und Bürger verlassen.

Das Material erschlägt die interessierten Menschen. Und es macht deutlich, warum ein Austritt nicht trivial ist und neben dem ökonomischen mit Sicherheit ein in gar keinem Fall abschätzbares juristisches Chaos anrichten würde. Jeder Bürger, jedes Unternehmen, jede Bank, jede sonstige Organisation, die sich alle auf den unten stehenden Rechtsrahmen verlassen, würden Klagen gegen die EU oder wen auch immer erheben, wenn sie durch das abrupte Ändern des Währungsverbundes einen Schaden erleiden sollten. Das wird ein Fest für Juristen und ein Alptraum für Gerichte werden.“(1)

Chicken Game der EU mit dem Griechenland um Euro-Austritt

by Dirk Elsner on 30. Mai 2012 (2)

„Ein Austritts Griechenlands aus der Währungsunion der EU, dem Euro, geht das so einfach? Ja, es ist auffällig, wie intensiv in den letzten Tagen über einen Austritt Griechenlands aus der Eurozone spekuliert wird. Überall spricht man sich dafür aus, einen Plan-B für den Austritt Griechenlands aus der Eurozone vorzubereiten (so wie hier die Commerzbank). Vor einem Jahr waren solche Gedanken noch ein Tabu und vielen glaubten sogar noch daran, dass Griechenland alle Schulden zurückzahlen könnte.

Nun wird der potentielle Austritt Griechenlands aus der Eurozone (im Volksmund Greek Exit genannt) zum Megathema hochstilisiert. Es wird so getan, als ob ein Austritt eines Landes aus der Eurozone ganz einfach sei und man die damit verbundenen Aktivitäten und Risiken irgendwie managen könnte. Mag sein, ich rate hier allerdings zur Skepsis, denn ein Blick auf die Gesetze zur Einführung des Euro mag ein Gefühl davon zu vermitteln, wie kompliziert ein Austritt technisch und rechtlich ist. Das Schadensersatzrisiko könnte schnell einen dreistelligen Milliardenbetrag erreichen. Daneben hat Griechenland durch die bisher erhaltenen Mittel eine stärkere Verhandlungsposition, als dies derzeit vielen recht ist (siehe dazu auch NZZ: “Hohe Schulden sind ein Problem der Gläubiger”).

Mich hat gewundert, dass trotz des Geredes über den Austritt, die Vorhersagemärkte bei Intrade einen Austritt in diesem Jahr derzeit “nur” mit einer Wahrscheinlichkeit von gestern 40% erwarten. Eigentlich ist diese Zahl vergleichsweise niedrig angesichts der aktuellen Debatte und der Gerüchte über einen Grexit.

In einem Kommentardialog mit Eric Bronse im Beitrag “Vorhersagemärkte sehen weiter steigende Wahrscheinlichkeit für Austritt eines Landes aus dem Euro” äußerte ich die Vermutung, man könne die aktuellen Aktivitäten auch so interpretieren, dass man eine glaubhafte Drohung gegenüber Griechenland aufbauen will, um Griechenland doch noch auf Kurs zu bringen. Gelänge dies, dann wäre ein Austritt wieder unwahrscheinlicher.

In der Spieltheorie spricht man von einem “Chickengame”. Das Chickengame wurde bekannt aus dem Film “Jenseits von Eden” (oder war es “Denn sie wissen nicht, was sie tun” mit James Dean) und hat Eingang in die Wirtschaftstheorie gefunden. Erklärt wird es von Ali Arbia im Science Blog:

“In den 50er sagt man, hätten Jugendliche in den USA ein Spiel gespielt, welches sie als Chicken (wörtlich ‘Huhn’) bezeichneten (1). Zwei Halbstarke sitzen je in einem Auto und rasen frontal aufeinander los. Der der zuerst ausweicht hat verloren. Dies inspirierte Spieltheoretiker zu einer Formalisierung.

Jeder der beiden Draufgänger hat zwei einfache Aktionen (‘Strategien’) zur Auswahl: Kurs halten oder ausweichen. Das ideale Resultat wäre aus der Perspektive eines einzelnen Spielers, den Gegner blamieren zu können. Der würde als ‘Huhn’ dastehen wenn er zuerst ausweicht. Dies wird durch einen Minus- (Ausweichender) respektive einen Pluspunkt (Kurs gehalten) ausgedrückt. Erweisen sich beide Spieler als irrational stur, ist die Konsequenz eine fatale Kollision. Eine solche ist nicht im Interesse der Spieler, beide würden daher -10 Punkte kassieren. Für beide Spieler ist klar, dass sie es doch bevorzugen als Feigling dazustehen. Weichen beide gleichzeitig aus, gibt es weder Gewinner noch Verlierer.”

Eine Möglichkeit in diesem Spiel zu gewinnen ist, den Gegner davon zu überzeugen, dass man nicht ausweichen wird oder kann. Vielleicht überzeugt man ihn davon, dass man nicht rational handelt und einem der Preis der Kollision nichts ausmacht (Strategie ‘Kamikaze’). Alternativ ¨überzeugt man ihn davon, dass man nicht anders kann als Kurs halten (z.B. Lenkrad blockieren und Schlüssel wegschmeissen ganz im Sinne des ‘Doomsday Device’ in Kubricks Dr. Strangelove).”

Das Spannende an diesem Spiel, es existiert hier keine dominante Strategie, da das Defektieren (Weiterfahren) zum bestmöglichen, aber auch zum allerschlechtesten Ergebnis führen kann. Wiederum besteht Unsicherheit über das Verhalten des anderen, weswegen auch Wahrscheinlichkeitsüberlegungen in die Entscheidung einfließen können, erklärt Wissen Digital.

Ich bin zwar der Meinung, Griechenland hätte nicht Mitglied der Währungsunion werden dürfen, aber an einen Austritt glaube ich nicht. Die Einrichtung von Krisenstäben bei EZB und Bundesbank und die Erarbeitung nationaler Notfallpläne gehören zum Spiel dazu. Wichtig ist bekanntlich, dass die Drohungen glaubhaft sind. Das Gerede über den Ausstieg nebst Vorbereitungen dient dazu, dass griechische Volk auf die Spur zu bringen…“


* Foto “Son of Beer Butt Chicken” CC Lizenz, Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen

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(1) http://www.blicklog.com/2012/05/27/dokumentation-zum-austritt-aus-dem-euro-gesetze-die-bergang-zum-euro-in-deutschland-regelten/

(2) http://www.blicklog.com/finanzkrise/geld-und-wahrungspolitik/

Über Regina Drescher

Absolventin der Humboldt- Universität Berlin 1984 als Diplom-Ingenieurin. Ausbildung als Betriebsleiter. Ein Semester angewandte Psychologie. Erfahrung als Sozialarbeiterin, Bereich Jugendclubs. Ausgestattet mit rationalem Denkvermögen und emotionalen Eigenschaften. Dies ermöglicht mir eine gewisse soziale Kompetenz und Liebe zur Natur, den respektvollen Umgang mit ihr und den Wunsch nach Schutz vor weiterer Zerstörung des Menschen für alle Lebewesen.
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