Haben- Haben, ich- ich- ich

Historiker Götz Aly ist Kolumnenschreiber in der Berliner Zeitung. Er schrieb gestern in der Berliner Zeitung unter obigem Titel eine Kolumne, die ein Schlaglicht wirft auf die gängige Rabatt- Schnäppchen- und Mitnahmementalität, die Vorteilsbeschaffung, die Raffgier in unserer Gesellschaft, die natürlich auf der Gegenseite die Gruppe der sich benachteiligt fühlenden Individuen, der Neidischen, der Wenigerbesitzenden hinterlässt. Seine Kolumne beschreibt sehr gut das herrschende Klima, eines, das hindert, sich zusammenzutun und zusammen zu tun für eine menschlichere, sozialere Gemeinschaft:

„..Ausdruck einer kranken Gesellschaft, in der einzelne Gruppen ihre Besitzstände mit allen Mitteln verteidigen und einander scheelsüchtig belauern. Typischerweise sehen sich die einesteils Bevorzugten besonders gern als die insgesamt Zukurzgekommenen. Nach dem Motto „Das steht mir zu“ beharren sie auf der einmal eroberten Position. So machen sie das gesellschaftliche Klima unfreundlich. Rentner und Autofahrer maulen gemeinsam, sie seien die „Melkkuh der Nation“. Journalisten und Eigner von Solarkollektoren geniessen still und hartnäckig ihre Vorteile. Fahrradfahrer gehören zu den besseren Menschen und lehnen jede Kooperation im Straßenverkehr ab. Im Schwimmbad werden als erstes drei Liegen dauerhaft in Beschlag genommen, ob man sie braucht oder nicht. Ein Einheimischer, der in der U- oder Straßenbahn einen Sitz ergattert, steht kaum mehr auf, wenn ein älterer zittriger Herr zusteigt, eine Mutter mit zwei kleinen Kindern oder eine der raren Schwangeren.

Das fällt besonders Besuchern aus Paris, Tel Aviv, oder New York sofort ins Auge. Sie finden das Verhalten der Deutschen untereinander befremdlich, manchmal abstoßend.

Es stimmt nicht, dass unsere Politiker oder die Angehörigen unserer Oberschicht überwiegend korrupt seien. Wer einmal den Gatten unserer Bundeskanzlerin oder Franz Müntefering beim Wochenendeinkauf begegnet ist, weiss, dass viele Menschen- unabhängig von ihrer sozialen Stellung- nicht privilegiert sein wollen.

Das Problem liegt im a l l g e m e i n e n Verhalten. Wie wäre es, wenn wird die Reste ständischer Vor- und Sonderrechte endlich abstreiften, uns auf bürgerliche Tugenden besännen, die Interessen anderer respektierten, eigene Interessen zugunsten eines entspannten, womöglich heiteren Zusammenlebens gelegentlich zurückstellten und einfach weniger krakeelten: Haben- haben! Ich- ich-ich!“

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Über Regina Drescher

Absolventin der Humboldt- Universität Berlin 1984 als Diplom-Ingenieurin. Ausbildung als Betriebsleiter. Ein Semester angewandte Psychologie. Erfahrung als Sozialarbeiterin, Bereich Jugendclubs. Ausgestattet mit rationalem Denkvermögen und emotionalen Eigenschaften. Dies ermöglicht mir eine gewisse soziale Kompetenz und Liebe zur Natur, den respektvollen Umgang mit ihr und den Wunsch nach Schutz vor weiterer Zerstörung des Menschen für alle Lebewesen.
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2 Antworten zu Haben- Haben, ich- ich- ich

  1. sinnsucht schreibt:

    Ich fürchte, das freiwillige Abstreifen des hedonistischen Seelen-Pampertums bleibt eine Illusion, solange es keine handfesten ökonomischen Zwänge gibt 😦

  2. Pingback: Soziales Gewissen,soziale Verantwortung, moralische Prinzipien- eine Illusion? | zukunft4deutschland

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